Neujahrsrede zum Neujahrsempfang 2026

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Neujahrsrede zum Neujahrsempfang 2026

11. Januar 2026
Neujahrsempfang 2026 | Neujahrsrede
in der FILharmonie Filderstadt

Rede Oberbürgermeister Christoph Traub
(es gilt das gesprochene Wort)

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,
geschätzte Leserinnen und Leser,

die Ehrung der „Stillen Heldinnen“ und „Stillen Helden“ durch unsere Bürgerstiftung ist mittlerweile zum festen Bestandteil eines jeden Neujahrsempfangs geworden. Auch Sie alle sind Heldinnen und Helden. Warum? Das werde ich Ihnen in den kommenden Minuten erläutern.

| Teil 1 | STIMMUNG |

Sie haben sich entschieden, heute hierher zu kommen, zum Neujahrsempfang, nach Filderstadt. Das könnte eine ziemlich vergeudete Zeit für Sie werden. Sie sind nämlich in Filderstadt, mittendrin. Das ist das Bedauerliche. Filderstadt, die Stadt, die nur viele Möglichkeiten hat und nicht allen alles bietet.

Ein zugegeben negativer Einstieg in eine Neujahrsansprache. Aber mit dieser Formulierung nehme ich Sie mit hinein in die ausschließlich negativ besetzten Interviewanfragen, die ich im Vorfeld des heutigen Neujahrsempfanges erhalten habe.

Alle, ausschließlich alle, hatten die Nachfrage: Auf welche Entbehrungen werden Sie die Menschen beim Neujahrsempfang einstimmen?

Mit meiner durchaus ironisch-zynischen Veranlagung sind mir sofort Begrüßungsvarianten eingefallen.

Etwa:

Herzlich Willkommen, offenbar scheinen Sie alle hier angekommen zu sein, wohl zu Fuß, mit dem Rad, dem eigenen Auto oder als mitfahrende Person. Sonst wären Sie kaum hier. Denn wir sind die Stadt, die zwar zwei SpielmannsZÜGE hat, aber kaum eine S-Bahn fährt.

Und wenn Sie schon mal da sind:

Filderstadt hat einen der landwirtschaftlichsten Stadtteile auf den Fildern – aber das ist halt nur einer von fünf.

Filderstadt hat eines der schönsten Stadtteilzentren auf den Fildern mit der höchsten Fachwerkdichte – aber das ist halt nur eines von fünf.

Filderstadt hat einen Stadtteil mit dem schönsten Blick zur Schwäbischen Alb – aber das ist halt nur einer von fünf.

Filderstadt hat einen der höchstgelegensten Stadtteile auf den Fildern – aber das ist halt nur einer von fünf.

Filderstadt hat einen der ehrenamtlichsten und heimatverbundensten Stadtteile auf den Fildern, aber das ist halt nur einer von fünf.

Fromm ist Filderstadt im Übrigen auch nicht, weil jede andere Stadt die höheren Kirchtürme hat.

Alles in allem, es tut mir leid, dass Sie heute hier in Filderstadt sind und nicht in einer schönen, historischen, warmen und reichen Stadt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, so von der eigenen Stadt zu sprechen, verleiht Ihnen zwar Heldenstatus für Ihr Durchhaltevermögen, sich das anzuhören, es macht im Ergebnis aber keinen Sinn. Um so mehr, als wir die Sinnfrage in einem breit angelegten Prozess einer Arbeitgebermarke für die Stadtverwaltung gerade beantwortet haben, gerade nach dem Besten, dem Miteinander – für alle zu suchen und daran zu arbeiten.

Aber, warum mache ich es dann?

Zum Jahresende 2025 bin ich – wie erwähnt – in mehreren Interviewanfragen gebeten worden, dazu Stellung zu nehmen, mit welcher Stimmung ich in meinen Neujahrsempfang gehen und welche Stimmung ich dort unter den Filderstädterinnen und Filderstädtern sowie den anwesenden Gästen aus Politik, Wirtschaft und Stadtgesellschaft verbreiten werde.

Mit dem von mir gewählten Einstieg sind Sie der Antwort auf diese Frage nicht nähergekommen. Ironie ist schließlich keine Stimmung, sondern ein Anwendungsfall der Sprache.

Was Sie nun wissen, ist, wie man Stimmung formulieren und damit machen kann. Nicht wissen Sie, wie die Stimmung tatsächlich ist. Eines ist aber sicher, so von Filderstadt zu reden macht keinen Sinn und so macht Filderstadt keinen Sinn! Vor allem ändert sich dadurch nichts, schon gar nicht die Stimmung.

Das, was ich hier einleitend getan habe, das ist die landläufige „Stimmungsmache“, nicht das Wahrnehmen, das Aufnehmen und das Ernstnehmen einer tatsächlich vorhandenen Stimmung.

Mir geht es nicht darum, Stimmungen zu bedienen, zu befeuern oder gar die falsche Vorstellung zu vertiefen, dass man eine Stimmung bestellen könnte. Genau das passiert in der Politik im Moment leider an viel zu vielen Stellen – und dafür bin ich nicht in der Kommunalpolitik. Und dafür ist im Übrigen nach meiner Auffassung auch kein Politiker gewählt, jedenfalls nicht in einer echten Demokratie – anderswo mag es zwar Wahlen geben, diese sind dann aber nicht wirklich echt.

Denn Stimmung im politisch-gesellschaftlichen so zu verstehen, wäre ebenfalls sinnlos; erschiene ziemlich sinnlos als Orientierungsmaßstab für eine Stadt, die etwas bewegen will.

Der Begriff „Stimmung“ muss im politisch-gesellschaftlichen Kontext ebenso wie die Politik selbst von den Menschen her betrachtet werden. Stimmung ist kein politisches Instrument. Sie ist das Ergebnis dessen, was Menschen erleben. Daraus erwachsen Haltung und Meinung – und aus beidem erwächst politische Verantwortung.

Was heißt das jetzt aber für den Begriff „Stimmung“?

Gleich welches Handbuch, welchen Ratgeber oder welche Internetsuche Sie befragen, bedeutet Stimmung für jede und jeden Einzelnen von uns immer dasselbe: Stimmung ist das Gefühl, das aus dem Erleben resultiert.

In der Politik und für politisch Verantwortliche geht es deshalb in erster Linie nicht darum, Stimmung zu verbreiten oder Stimmung zu machen, sondern das konkrete Erleben der Menschen, für die sie Verantwortung tragen, wahrzunehmen. Also ganz konkret der Frage nachzugehen: Wie erleben Menschen ihre Stadt, ihren Wahlkreis, ihr Land, ihren Staat, diese Welt?

Und zwar alle Menschen. Nicht nur Wählerinnen und Wähler, Parteimitglieder, Parteitagsdelegierte und dergleichen – allen Menschen!

Deshalb bezeichne ich die kommunale Ebene oft und an vielen Stellen als die Wahrheitsebene, weil Parteipolitik hier vor Ort so gut wie keine Rolle spielt. Wer Menschen begegnet, mit ihnen ins Gespräch geht, erhält schnell und direkt ein Stimmungsbild, also die Beschreibung dessen, was das Erleben von Menschen prägt.

Schon deshalb versuche ich in und für Filderstadt bei möglichst vielen Gelegenheiten präsent und unter Menschen zu sein. Allein aus den vergangenen Tagen des Jahreswechsels prägen mich Gespräche und Begegnungen, die für mich deutlich machen, dass das Erleben ganz unterschiedlich ist.

Bei sehr vielen Gelegenheiten bin ich auf das Stadtjubiläum „50 Jahre Stadt Filderstadt“ angesprochen worden. Das enorme bürgerschaftliche und ehrenamtliche Engagement, die sehr positive Identifikation der Bevölkerung mit Filderstadt bis hin zu der Einbindung unserer Partnerstädte und Städtepartnerschaften ist allen, die Anteil genommen haben, in sehr guter und positiver Erinnerung. „Zusammenwachsen, zusammen feiern.“, 2025 war von dieser positiven Grundstimmung geprägt und getragen.

Dafür sage ich auch von dieser Stelle aus all jenen, die organisiert, vorbereitet, geprobt, veranstaltet, besucht und teilgenommen haben, nochmals von Herzen aufrichtig Danke.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Stadtgemeinschaft und Stadtgesellschaft von dem 50-jährigen Jubiläumsjahr unserer Stadt Filderstadt in positiver Weise profitiert hat.

Von der gleichfalls großen Motivation für das Ehrenamt – bei aller Belastung eines solchen Jubiläumsjahres – hat sich heute beim bislang umfangreichsten „Markt der Möglichkeiten“ vieles aufnehmen und ableiten lassen.

Von daher könnte ich es dabei belassen und aufgrund des positiven Erlebens Ihnen und uns allen eine positive Stimmung konstatieren.

Das ginge aber zu kurz, denn es gibt in der menschlichen Wahrnehmung eben nicht dieses eine pauschale Erleben. Unsere Stadt ist die Summe jedes und jeder Einzelnen von uns. Es gibt auch Gespräche, die nicht von einem positiven Erleben berichten. Davor, dass Menschen diese äußern und benennen, verschließe ich nicht die Augen.

Aus meiner eigenen beruflichen Vergangenheit ist mir bekannt, welche Verantwortung Unternehmerinnen und Unternehmer tragen. Deren herausfordernde Lage ist im Moment teilweise dramatisch.

Mir ist ein sehr eindrückliches Gespräch aus der erst kürzlich hier in der FILharmonie stattgefundenen Job-Finder-Messe in Erinnerung, wenn der Arbeitsplatzverlust nicht nur einen selbst, sondern die Familie und deren Auskommen belastet.

Ich kenne prekäre Lebenssituationen, die mir nahegebracht werden und auch Leid sowie Notsituationen, mit denen Menschen in unserer Stadt umgehen müssen.

Auch weiß ich um die Sorgen, die sich Menschen in unserer Stadt angesichts verschiedener Straftaten über den Jahreswechsel hier in Filderstadt machen.

Letztlich ist Filderstadt auch Teil der Welt, die an vielen Stellen kein gutes Erleben zulässt. Auch hier weiß ich, dass die Einordnung dessen Bürgerinnen und Bürger beschäftigt und belastet. Der Krieg gegen die Ukraine ist weiterhin präsent, der Überfall der Hamas auf Israel und der anschließende Krieg um Gaza haben 2025 geprägt.

Aktuell schauen wir in den Sudan, nach Syrien, den Iran und müssen das außenpolitische Handeln der USA wahrnehmen.

Das ist in wenigen Worten das Erleben der Menschen in Filderstadt. Oder anders formuliert: so beschreiben mir Menschen in verschiedenen Gesprächen ihre Lebensrealität. Und eben dieses Erleben lässt sich für viele unter uns nur noch schwer einordnen, vom Ertragen und Verarbeiten will ich gar nicht sprechen. Aber ich weiß, dass viele Menschen mit den täglichen Nachrichten kämpfen. Und das über lange Zeit – und sie von diesem Kampf müde und erschöpft sind.

Das ist Erleben in der Realität und nicht bloße Stimmung.

Und dennoch, in all dem erlebe ich Filderstadt, erlebe ich unsere Stadtgesellschaft als starke Gemeinschaft.

Gleichwohl stellt sich die Frage, wie sich dieses Erleben ändern lässt. Kann es das?

| Teil 2 | EINSTIMMEN |

Meine sehr geehrten Damen und Herren, jetzt habe ich viel über Stimmung gesprochen, aber worauf stimme ich sie jetzt ein. Denn auch das war Bestandteil der eingangs erwähnten Presseanfragen: Worauf stimmen Sie die Filderstädterinnen und Filderstädter ein?

Ausgelöst ist diese Frage mit Sicherheit durch die augenblicklich nicht einfach Haushaltslage unserer Stadt. Darin eingeschlossen die Haushaltsplanberatungen, die wir derzeit mit dem Gemeinderat führen.

Auch wenn ich nun von Einstimmen spreche, will ich bei meiner eingangs formulierten Definition des Begriffs Stimmung bleiben, mich zumindest daran anlehnen. Dann bedeutet Einstimmen das Erklären dessen, was man erlebt. Konkret auf die Haushaltssituation bezogen, wie wir diese in Filderstadt aktuell erleben.

Wir stehen – wie die meisten anderen Kommunen auch – vor dem ganz konkreten Problem, dass wir nicht mehr in der Lage sind, alle von uns wahrgenommenen und wahrzunehmenden Aufgaben aus unserem städtischen Haushalt heraus selbst zu finanzieren. Das schlägt sich auf beiden Seiten des Ergebnisses nieder. Auf der Einnahmenseite genauso, wie auch auf der Ausgabenseite.

In meiner Haushaltsrede habe ich klar zum Ausdruck gebracht, dass wir im Kern kein Einnahmenproblem haben und wir über Anpassungen im Einnahmenbereich unseren Doppelhaushalt auch nicht werden „retten“ können.

Wir haben in erster Linie auch kein Liquiditätsproblem, weshalb das Fallenlassen von Investitionen ebenfalls keine Problemlösung, sondern nur eine Problemverzögerung ist. Das eigentliche Problem bleibt, tritt aber erst später zutage.

Die von uns als Verwaltung bei der Haushaltseinbringung vorgeschlagenen Hebesatzerhöhung bei Gewerbe- und Grundsteuer hätten uns allenfalls der Genehmigungsfähigkeit des Haushaltes nähergebracht, mehr nicht. Und wir hätten damit ausschließlich bei der Grundsteuer das Steuerniveau des Jahres 2024 wieder erreicht, mehr nicht. Beides ist mittlerweile für den aktuellen Doppelhaushalt aber vom Tisch.

Die strukturellen Probleme unseres städtischen Haushaltes liegen in Summe in einer enormen Aufgabenlast, die uns von Bund und Land übertragen, aber nicht auskömmlich finanziert wird. Hinzu kommen hohe Standards, die wir uns in den sogenannten „guten Jahren“ gegönnt haben.

Das alles wieder in das Gleichgewicht der kommunalen Selbstverwaltung zu bekommen, wird ein spürbarer und schwieriger Prozess werden. Er ist aber nicht nur schlecht, sondern er lässt auch vieles hinterfragen.

Was bedeutet das aber ganz konkret, wenn ich heute von Stimmung und vom Einstimmen spreche. Nochmals zurück zu meiner Stimmungsdefinition: Stimmung ist das Gefühl, das aus dem Erleben resultiert. Einstimmen ist damit das, was darauf hinweist, wie etwas erlebt, gestaltet wird.

Wir als Kommunen und wir ganz konkret in Filderstadt stellen uns zunächst die Frage, worauf wir Einfluss haben und worauf wir im Sinne unserer Stadt Einfluss nehmen können. Das bedingt zugleich die Antwort auf die Frage dessen, was wir nicht selbst in der Hand haben, also nicht selbst beeinflussen können.

Das hört sich ein Stück weit nach Schicksalergebenheit an, ist es aber nicht.

Nein, es geht darum, daraus Haltung, Stärke und Antrieb zu entwickeln. Das ist kommunale Verantwortung, damit Verantwortung für Sie, die Menschen in Filderstadt.

Es hilft uns augenblicklich nicht, haushalterische Zustände ausschließlich zu beklagen. Angesichts der bundesweiten Haushaltslage aller Kommunen ist längst ausgemacht, dass der Bundeshaushalt und auch alle Landeshaushalte unter dem größten strukturellen Defizit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs leiden. Wir Kommunen haben dies über unsere Landesverbände schon seit geraumer Zeit kommuniziert.

In meinen jährlichen Gesprächen mit allen Abgeordneten unseres Wahlkreises ist dies seit 2016 ein Dauerthema. Geändert hat sich nichts. Weder Bund noch Land halten sich an das Konnexitätsprinzip. Also, sie finanzieren nicht das, was sie an Rechtsansprüchen formulieren und in die Aufgabenlast der Kommunen übertragen.

Um es an einem aktuellen Beispiel deutlich zu machen.

Bund und Land formulieren und gestalten den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulbereich. Finanziell ersetzt bekommen wir Kommunen in Baden-Württemberg für den laufenden Betrieb aber gerade mal 68 Prozent.

Dass dies für die kommunalen Haushalte nicht gut ausgehen kann, liegt auf der Hand.

Die Beispiele ließen sich fortsetzen – Glasfaserausbau, Wärmeplanung, etc.. All das können wir als Stadt Filderstadt nicht ad hoc ändern, dennoch formuliere ich es hier und an vielen anderen Stellen, gerade jetzt im Vorfeld der Landtagswahl, denn selbstredend lauten die wahlkämpfenden Bewertungen ganz anders.

Und dabei bleibt es fast wie in der psychologischen Verbindung von Stimmung und Erleben. Nämlich, wenn sich das Erleben nicht ändern lässt, geht es darum, durch Akzeptanz und Haltung die Realität anzunehmen und damit umzugehen.

Mir persönlich geht es darum, den Fokus auf unsere eigenen Ressourcen zu legen. Verantwortung ist dabei, die übergeordneten politischen Gegebenheiten zwar nicht hinzunehmen, sie aber nicht dauerhaft nur zu beklagen, sondern sie in angemessener Akzeptanz in eine Konzentration der Stärke umzuwandeln.

Und eben diese Stärke hat Filderstadt. Darum können wir alle froh sein.

Wir beeinflussen damit unsere eigene Reaktion. Wir tun dies, indem wir die finanzielle Situation der Stadt Filderstadt klar analysiert haben und daraus abgeleitet nun drei Schritte gehen:

  1. Aufgabenkritik – also die Frage danach, was wir zurückstellen oder aufgeben können und auch die Frage nach doppelt angelegten Strukturen. Das bedeutet loslassen lernen und dieses Loslassen auch zu kommunizieren.
  2. Standards hinterfragen – also überlegen, was auch einfacher, anders und mit weniger geht. Letztlich wie Energie sparen, ohne im Kalten und Dunkeln zu sitzen.
  3. Anpassung des Stellenplans und der Verwaltungsstruktur – also in Zusammenarbeit, Prozessen und Abläufen neue Wege gehen.

Ich halte diese Abfolge auch für richtig, weil sie uns erst den Blick auf das gibt, welche Aufgaben wir in Zukunft neben den überbordenden Pflichtaufgaben noch wahrnehmen möchten. Zudem versetzt uns diese Abfolge in die Lage, gegenüber übergeordneten politischen Ebenen argumentieren zu können, welche Aufgaben wir als Kommune trotz eigentlich bestehender kommunaler Selbstverwaltung aufgeben müssen, um nicht ausfinanzierte Pflichtaufgaben von Bund und Land auszuführen. Im Zweiten die Bewertung dessen, wie wir diese verbleibenden Aufgaben ausgestalten und dann im letzten Schritt, welche personellen Ressourcen dafür dann (noch) erforderlich sind.

Und das ist keine daher gesagte Theorie, wie gelegentlich behauptet wird, sondern eine Haltung, die wir erarbeitet und vorgestellt haben, die wir nun umsetzen.

Ein ganz konkretes Beispiel für diese drei Schritte. Jede bei uns in der Verwaltung neu zu besetzende Stelle – nicht neu geschaffene (!) – wird vor Neuausschreibung einer Bewertungsmatrix unterzogen, die danach fragt:

  • Welche Aufgabe nimmt diese Stelle wahr?
  • Braucht es diese und wenn ja in welchem Umfang?
  • Mit welcher Qualifikation und Bewertung ist sie auszuschreiben?
  • Ist die Stelle überhaupt wiederzubesetzen – oder wann?

Dafür haben wir in der Verwaltung eine Bewertungsmatrix entwickelt und mit dem Gemeinderat sowie allen Führungskräften besprochen.

Dieses Vorgehen und die Anwendung dieser Matrix habe ich am vergangenen Montag, also mit Jahresbeginn und nach Abschluss aller Vorgespräche in der Verwaltung beauftragt. Das wenden wir nun an.

Wenn ich dies so sachlich-nüchtern formuliere, bedeutet dies nicht die Akzeptanz dessen. Es bedeutet schon gar nicht, dass ich diese Situation gutheiße. Aber, wir müssen verstehen, dass die Situation für den anstehenden Doppelhaushalt und ggf. für die sich daran anschließenden Haushalte nicht änderbar ist.

Getragen ist dies auch von meiner festen Überzeugung, dass Filderstadt die notwendige Resilienz und damit die notwendige Widerstandskraft und Stärke hat, auch diese Krisensituation, die nicht unsere eigene und auch nicht unsere alleinige ist zu bestehen und ggf. auch gestärkt daraus hervorzugehen.

Dies haben die vergangenen Jahre gezeigt, die allesamt für sich keine einfachen waren. Wir haben bereits andere, ähnliche Schwierigkeiten gemeistert und glauben an unsere Stärke.

| Teil 3 | STIMMT´S |

Der Prozess und der Ablauf, den ich jetzt beschreibe, sind keine abschließenden. Ich kann Ihnen heute auch nicht sagen, wann sie zu Ende sein werden. Denn die Herausforderungen bleiben und ich bedaure sehr, dass es zu den wesentlichen gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen keinen öffentlichen Diskurs gibt, noch nicht einmal jemand erkennbar ist, der diesen sachgerecht anstößt.

Aber, wir brauchen ihn – dringend.

Wir brauchen ihn für unseren Wirtschaftsstandort, für unsere sozialen Hilfssysteme, zur Bewältigung der Klimakrise, zum Erhalt der Energie- und Trinkwasserversorgung, der Verkehrswende und zur Neubewertung unserer Sicherheitslage.

All das sind Themenbereiche, die zur künftigen Bewältigung auf uns als Kommune zukommen. Ich sage Ihnen heute ehrlich, ich leide darunter und halte es für falsch, dass dieser Dialogprozess zugunsten oberflächlicher Themen nicht konkret angestoßen wird. Denn in der Bevölkerung sind all diese Fragen längst angekommen.

Bei aller Beachtung der Karenz will ich den Parteien, die sich unserer demokratischen Verfassung verpflichtet sehen in diesem Zusammenhang auch sagen, dass es Not tut, dass Parteien immer weniger Orte der Meinungsbildung sind und sie auch immer weniger dazu beitragen. Das ist aber ihr Verfassungsauftrag. Parteien sind nicht „die Meinung“. Parteien haben zur Meinungsbildung beizutragen. Demokratie lebt vom Ringen um Meinungen. Wer das als Schwäche diffamiert, verkennt ihr Wesen. Es ist daher völlig undemokratisch, wenn sich [demokratische] Parteien untereinander vorwerfen, dass die jeweils andere in einem Meinungsfindungsprozess sei.

Und wir als Bevölkerung müssen vielleicht auch wieder lernen, dass es gut und richtig ist, dass in einer Partei um Meinungen gerungen wird. Mir persönlich jedenfalls fehlen ab und an die „alten“ Generalsekretärinnen und Generalsekretäre, die Meinungsfindungsprozesse angestoßen, moderiert und ausgehalten haben.

Aber zurück zu uns:

In all dem Gesagten stimmt es, dass wir gut daran tun, rechtzeitig und frühzeitig, nicht im Affekt, sondern strukturiert, an der Resilienz und der Widerstandsfähigkeit Filderstadts zum Wohle der Bevölkerung zu arbeiten. Genau das tun wir, in der Verwaltung, in Abstimmung mit dem Gemeinderat und in der Kommunikation, mit Bedacht.

| Teil 4 | STIMME |

Die Stimme spiegelt auch die aktuelle Stimmung wider, so heißt es in der Musik. Oder anders, die Stimme eines Menschen ist auch Informationsträger.

Ich bleibe bei meiner Definition von Stimmung als dem Resultat des Erlebens und formuliere damit, dass Stimme das Erleben wiedergibt.

Und dafür sage ich heute – auch persönlich – ausdrücklich Danke. Danke, dass es diese offenen, sachlichen und fairen Stimmen in Filderstadt gibt. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, dass dies nicht selbstverständlich ist. Das macht Filderstadt resilient. Ich danke für jede Stimme, die mir und uns Erlebtes mitteilt und uns damit das Reagieren ermöglicht. Ich danke dafür Ihnen, die Sie heute hier sind, der Bevölkerung insgesamt, dem Gemeinderat, dem Jugendgemeinderat, dem Stadtseniorenrat, Vereinen, Kirchen, Institutionen und Organisationen, Unternehmen und Verbänden.

Meiner Verwaltung formuliere ich damit einen mutmachenden Auftrag, das Vorrecht zu erkennen, dieses Erleben in Filderstadt mit gestalten zu dürfen und damit auch gesellschaftliche Verantwortung mit zu übernehmen, dass Stimmen in der richtigen Tonlage bleiben – d.h. respektvoll und sachlich, auch politisch.

Ob Menschen die Leistungsfähigkeit des Staates – ihres Staates – erkennen, zeigt sich auf kommunaler Ebene. Das muss übergeordnet wieder erkannt werden, umzusetzen haben wir es.

Und wir setzen ja gemeinsam auch einiges um.

Wir investieren in enormem Umfang für die Belange unserer Stadtgesellschaft: Sanierung des Gartenhallenbades, Neubau von Gotthard-Müller-Halle und Jugendzentrum, Erweiterungsbau für das Elisabeth-Selbert-Gymnasium, S-Bahnverlängerung, Glasfaserausbau, Neugestaltung der Karlstraße, Stadtteilkonzept Plattenhardt, Mobilitätshub am Bahnhof in Bernhausen und wir halten übergeordnet an den Fördermaßnahmen für Vereine bzw. das Ehrenamt und für Klimaschutzmaßnahmen fest. Diese Aufzählung ist nicht abschließend, aber beispielgebend.

Ich bin auch davon überzeugt, dass unsere gesamte Stadtgesellschaft von dem 50jährigen Jubiläumsjahr unserer Stadt Filderstadt in positiver Weise profitiert und das in 2026 weiterhin spürbar und auch erlebbar sein wird.

Und wir dürfen weiter feiern. Drei gegriffene Beispiele: 2026 werden wir mit unserer Partnerstadt La Souterraine auf 20 Jahre „Fresque historique de Bridiers“ schauen; wir feiern 10 Jahre FILUM, die gute Heimat der Musikschule Filderstadt; und das Ehrenamt wird im Mittelpunkt stehen wie beispielsweise beim 100jährigen Bestehen des Posaunenchors Sielmingen, 120 Jahre Musikverein Bonlanden, 70 Jahre Katholischer Kirchenchor Bonlanden-Plattenhardt, 90 Jahre Akkordeonclub Sielmingen und bei vielen Anlässen mehr.

Kurzum: es gibt auch in 2026 Gelingendes und emotional Freudiges!

| Teil 5 | SCHLUSS |

Filderstadt prägt und steht dafür, dass es nicht nur eine Stimme für sich hat und nicht nur die Stimme für sich erhebt. Die bestehenden Städtepartnerschaften habe ich bereits erwähnt. Aber auch darüber hinaus. Seit mehr als zwei Jahrzehnten werden international tätige Vereine unterstützt. In 2025 haben wir das zehnjährige Bestehen Filderstadts als Fairtrade-Town gefeiert und in 2019 waren wir als Stadt Filderstadt eng eingebunden in die Aufnahme des sogenannten Sonderkontingentes als humanitäre Reaktion Baden-Württembergs auf den Genozid an Jesidinnen und Jesiden.

Ich bin froh und freue mich, dass ich die zentralen Begriffe meiner heutigen Neujahrsrede, nämlich „Stimmung“, „Erleben“ und „Stimme“ nach dem nächsten Musikstück des Posaunenchors Sielmingen in der diesjährigen Talkrunde fortsetzen und weiten kann.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.