Rede anlässlich Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Kriegsbeginns gegen die Ukraine

Neujahrsrede zum Neujahrsempfang 2026
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14. Januar 2026
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Rede anlässlich Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Kriegsbeginns gegen die Ukraine

24. Februar 2026, FILharmonie Filderstadt-Bernhausen
Ansprache Oberbürgermeister Christoph Traub
(es gilt das gesprochene Wort)

 

Sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister Beck,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Theobaldt,
sehr geehrter Herr Flemig,
sehr geehrte Mitwirkende und Verantwortliche der heutigen Gedenkveranstaltung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir versammeln uns heute, um innezuhalten, aufmerksam zu machen und Mut zu geben. Wir kommen zusammen, um zum Gedenken. Dazu begrüße ich Sie herzlich, heiße Sie willkommen und danke Ihnen, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind.

Gedenken, Willkommen, Folgen – mit diesen drei Begriffen will ich Sie einladen, auch wenn Sie schon hier sind. Ich lade Sie ein, mir in Gedanken zu folgen. Gehen Sie bitte in Gedanken nochmals zurück an den Ort, von dem Sie vor wenigen Minuten aufgebrochen sind, um hierher zu kommen.

Und wenn wir gedanklich noch einmal an unserem Ausgangspunkt stehen, dann halten wir kurz inne – und betrachten drei Merkmale unseres Weges hierher, die uns einten.
Ein erstes: Unser Aufbrechen war selbstbestimmt. Niemand von uns musste vor dem Aufbrechen überlegen, nachsehen oder nachhören, welche Alarmstufe und welche Bedrohungslage gerade herrscht.

Ein zweites: Unser Weg hierher war sicher. Niemand von uns musste auf dem Weg hierher Sorge vor einem Luftangriff oder einer militärischen Operation haben. Wenn uns im Alltag überhaupt Soldaten in Uniform begegnen, sind es solche auf dem Heimweg, an ihren Arbeitsplatz oder ins Wochenende. Bewaffnete Uniformträger oder Soldaten in Kampfhandlung begegnen uns nicht. Und jedenfalls bis zu dieser Minute dürfen wir davon ausgehen, dass wir unseren Ausgangsort wieder erreichen, ohne dass er durch Kriegshandlungen beschädigt oder zerstört wurde.

Ein drittes: Unser Raum hier ist ein öffentlicher Ort, kein Zufluchtsort, kein Schutzraum. Wir können frei reden, die Lautstärke des Mikrofons selbst wählen, aufrecht Platz nehmen, wo wir wollen und können, Licht anschalten, wenn wir es brauchen, Zeit im Warmen verbringen.

All das ist für die Menschen in unserer Partnerstadt Poltawa und in der gesamten Ukraine seit vier Jahren nicht mehr selbstverständlich. Seit dem 24. Februar 2022. An jenem Tag begann Russland seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Die Zahl der drei Merkmale habe ich auch aus einem anderen Grund gewählt. Diesen Grund sehen Sie – jedenfalls aus der Nähe -, wenn Sie mein T-Shirt und damit das Wappen darauf erkennen können.

Das T-Shirt, das ich heute trage, habe ich von einer Delegation aus unserer Partnerstadt Poltawa geschenkt bekommen, die im vergangenen Jahr Filderstadt besucht hat.

Drei Merkmale, so viele verbergen sich auch in diesem Wappen auf meinem T-Shirt, dem Wappen der Ukraine. Der ukrainische Dreizack hat eine lange historische Tradition. Dieses kleine Staatswappen der Ukraine trat zusammen mit der 1996 verabschiedeten Verfassung der Ukraine in Kraft. Es steht für drei Ziele: Freiheit, Unabhängigkeit und nationale Identität.

Erkennt man in dem Dreizack einen stilisierten Falken im Sturzflug, ist dies gleichermaßen richtig. Er steht für Mut, den Körper und die Seele – wieder drei.

Zwei Mal drei Begriffe, die in ihrer Unterschiedlichkeit die Lage der Ukraine und damit unserer Partnerstadt Poltawa beschreiben. Ein Land, das sich auf den Weg hin zu demokratischen Strukturen gemacht hat. Ein Land, das nach Freiheit, Unabhängigkeit und Identität strebt, heute aber allen Mut und eine starke Verbindung von Körper und Seele benötigt, um eben jene Ziele gegen einen Aggressor zu verteidigen.

Ich bleibe bei der Zahl drei. Dreifaches wünsche ich uns auch für das Zusammenkommen jetzt: Solidarität, Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft.

Alles drei benötigen unsere Freundinnen und Freunde in unserer Partnerstadt. Zum Warum und dem Kriegsgeschehen in der Ukraine selbst wird uns Herr Flemig im Anschluss nachdrücklich berichten. Nachdrücklich auch deshalb, weil er unsere Städtepartnerschaft in dieser sehr besonderen Zeit auf sehr besondere Weise verbindet. Als Filderstädter hat er den Beruf des Journalisten gewählt, berichtet aus Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt. So auch heute aus der Ukraine – hierher nach Filderstadt.

Unser Gedenken und Erinnern brauchen diesen Blick.

Poltawa und die Menschen in unserer Partnerstadt befinden sich aktuell aufgrund fortgesetzter Raketenangriffe und aufgrund von Angriffen mit Drohnen durch die Russische Föderation in einer schwierigen Lage.

Die Schäden an der gerade im Winter bedeutenden Energieinfrastruktur haben zu erheblichen Unterbrechungen bei der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung geführt. In einigen Stadtteilen dauert der Stromausfall bis zu 20 Stunden am Tag. Währenddessen fehlt es an der zentralen Wärme- und Wasserversorgung.

Die Folgen dessen sind in unserer von Selbstverständlichkeiten geprägten Welt kaum nachvollziehbar. Aufzüge sind nicht nutzbar, was die Mobilität von Müttern mit Kinderwagen, Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Beeinträchtigung, erheblich einschränkt. Lebensmittel verderben, weil der Kühlschrank ausfällt und medizinische Versorgung wird erschwert.

Die Auswirkungen auf die Situation von Binnengeflüchteten, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen sind von großer Tragweite.

Die Unterbrechungen wirken sich auch auf die Arbeit kleiner und mittlerer Unternehmen aus. Einige Lebensmittelgeschäfte können die langen Stromausfälle nicht verkraften und müssen schließen oder verkürzte Öffnungszeiten einhalten.

Dies erschwert die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und beeinträchtigt die wirtschaftliche Stabilität von Poltawa.

Aus der Stadtverwaltung von Poltawa hören wir aktuell, dass alle Anstrengungen unternommen werden, um die Lage zu stabilisieren und die Infrastruktur wiederherzustellen. Doch die verfügbaren Ressourcen sind sehr begrenzt.

Ich komme zurück auf „drei“: Mut, Körper und Seele – alles drei beweisen die Menschen in unserer Partnerstadt. Sie trotzen allen Schwierigkeiten. Sie stehen zusammen und setzen sich gemeinsam für die Aufrechterhaltung des Lebens in der Stadt und die Sicherheit der Bevölkerung ein.

Es bleibt das feste Erwarten von Freiheit, Unabhängigkeit und nationaler Identität. In Poltawa und der gesamten Ukraine.

Bei der diesjährigen Gedenkfeier begleitet uns all das.

In unserem Zusammenkommen setzen wir ein Zeichen der Solidarität, der Aufmerksamkeit und der Hilfsbereitschaft.

Wir wiederholen damit auch unsere klare Haltung, dass dieser völkerrechtswidrige Krieg ausschließlich und einzig durch Russland ausgelöst wurde und Russland diesen bis heute völkerrechtswidrig führt.

Russland hat die Ukraine angegriffen, ein Angriff auf Freiheit, Unabhängigkeit und nationale Identität.

Wir sind dankbar für Hilfe und Unterstützung, die aus unserer Bevölkerung bis zum heutigen Tag geleistet und erbracht wird.

Als sichtbares Zeichen unserer Solidarität sind und bleiben an vielen Stellen unserer Städte ukrainische Flaggen gehisst.

Dies auch als Mahnung. Als Mahnung, dass in Europa Krieg herrscht. Als Mahnung einer veränderten Sicherheitslage. Als Mahnung an politische Verantwortliche, dass Politik dem Frieden unter den Völkern dienen muss.

Die Münchner Sicherheitskonferenz vor wenigen Tagen stand unter dem Leitsatz:

„The world has entered a period of wrecking-ball politics.“

„Die Welt ist in einer Phase angekommen,
in der Politik einer Abrissbirne gleicht.“

Oder höflicher: Die Welt ist in eine Phase der zerstörerischen Politik eingetreten.

Eine Erkenntnis, die wir uns bewusst machen müssen, um daraus Haltung für die Ukraine und die Menschen in unserer Partnerstadt Poltawa einzunehmen.

Im Gedenken und zur Erinnerung an die vielen Opfer, die der Krieg in der Ukraine gefordert hat, bitte ich Sie um eine Minute des Schweigens.

– Schweigeminute –

Vielen Dank.