Rede zum Volkstrauertag

Mittwoch, der 9. November
Der 9. November bringt Geschichte auf den Punkt, führt sie zusammen.
9. November 2022

Totengedenkfeier am Ehrenmal vor der Martinskirche Sielmingen, Sonntag, 13. November 2022, Oberbürgermeister Christoph Traub

 

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ursprünglich 2020 war ich hier an dieser Stelle als Redner bei der Totengedenkfeier anlässlich des Volkstrauertages vorgesehen. Danach wäre ich den jährlichen Veranstaltungen in alphabetischer Reihenfolge durch unsere Stadtteile gefolgt. Dass ich heute hier bin zeigt, dass zuletzt vor drei Jahren, also 2019 eine Gedenkveranstaltung im persönlichen Zusammenkommen stattfinden konnte.

Zusammenkommen und Zusammenhalten, zwei Worte die in den vergangenen 2 ½ Jahren fast zu Gegensätzen geworden sind. Den Zusammenhalt haben wir beschrieben, in dem wir gerade nicht zusammengekommen sind. Zusammenhalten, dieser Begriff und diese Aufforderung wurde fast schon überstrapaziert. In Zeiten der Pandemie, dem uns allen merklich vor Augen geführten Klimawandel, einem Krieg in Europa und den daraus resultierenden Folgen für die Energieversorgung, die Lieferketten und den spürbaren Preissteigerungen für vieles, wenn nicht gar alles.

Und dennoch haben wir allen Gedenkfeiern am heutigen Sonntag in Filderstadt die Überschrift gegeben:

„Zusammenhalten in Zeiten der Ungewissheit, des Umbruchs und der Not.“

Auseinanderfallen wäre das Gegenteil und keinesfalls die Alternative. Aber wir merken, mit dem schlichten Dahinsagen tuen wir uns zunehmend schwer. Wir brauchen neue, konkret spürbare und sichtbare Anlässe, uns den Wert des Zusammenhalts vor Augen zu führen.

Für mich ist es das Bild und der Auftritt der jungen sechzehnjährigen Frau, die Mitte Juli hier in der Martinskriche mit dem AHC Sielmingen musiziert hat. Mit geschlossenen Augen bei sich, ihrer Musik, aber auch ihren Eltern, die sie in der Ukraine zurückgelassen hat.

Das ist für mich das verstörende Bild des Jahres 2022. Ein völkerrechtswidriger Krieg in Europa, Kinder und Jugendliche ohne Eltern – allenfalls mit der Mutter – auf der Flucht, junge Männer im Kampf und ältere Menschen in Verzweiflung.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren oft gefragt, ob die Gedenkveranstaltungen am Volkstrauertag noch zeitgemäß sind. Dieser Rückfall in die längst überwunden geglaubte Zeiten des Krieges in Europa, in die dunkle erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, machen die Bedeutung und die Notwendigkeit deutlich.

Wir sind nicht nur Zuschauer auf der Weltbühne, sondern formulieren die Mahnung zum Frieden. Und dies mit Blick auf unsere eigene Gesellschaft. Wir sind nicht Teilnehmende internationaler Friedenskonferenzen, aber wir stehen ein für den Frieden im Kleinen, in unserem direkten Umfeld und wir sind die Stimme derer, die selbst nicht sprechen können.

Unsere Gesellschaft wird nicht bestehen, wenn wir das herausstellen, was uns trennt und nicht auf das bauen, was uns eint, wenn sich Wohlergehen aus dem Nachteil anderer ergibt und Menschenwürde der Oberflächlichkeit oder gar Missachtung weicht.

Was können wir als einzelne oder als Stadt tun? Während die große Politik nach großen Gesten sucht, tragen wir als Kommune – wie an vielen anderen Stellen – auch hier im Kleinen unseren Teil bei, in Austausch, Begegnung und dem Begründen und Pflegen von persönlichen Freundschaften. Wir treten ein für den Nächsten oder die Nächste, sorgen für Ausgleich und bauen Unterschiede ab. Wir leben Vielfalt.

Gleich wo wir uns heute in den Stadtteilen zum Gedenken zusammenfinden, formulieren wir die mahnende Aufforderung, aus den aktuellen Notlagen den Ausblick zu nehmen auf die Bewahrung der Versöhnung und den Zusammenhalt für heute und in der Zukunft.

Wir denken heute an Kriegsopfer und Opfer von Gewaltherrschaft. Wir denken an Kinder, Frauen und Männer die verfolgt und an Soldaten, die getötet wurden, in den beiden Weltkriegen, die hier tobten und auch hier, mitten in Filderstadt, Menschen in den Tod rissen oder in Gefangenschaft führten. 

Für die unter uns, die selbst noch unmittelbare Angehörige im Krieg verloren haben, ist dieser Tag besonders wichtig, aber auch mit Leid und tiefer Trauer verbunden.

Nicht zuletzt 2022 hat uns gelehrt: Eine Alternative zum Krieg gibt es immer, eine zum Frieden nicht. Der Volkstrauertag erinnert uns daran, wie wertvoll Frieden ist. Wir brauchen einen Gedenktag wie den Volkstrauertag, um daran erinnert zu werden, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und wir Tag für Tag auch heute unter uns daran arbeiten müssen, diesen im Großen wie im Kleinen zu erhalten.

Vielerorts auf der Welt ist dessen, woran wir uns heute erinnern und anmahnen, Realität. In vielen Ländern finden Gewalt und Krieg nicht nur in den Fernsehnachrichten statt. Das wird uns nicht zuletzt durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die Flüchtlingsthematik vor Augen geführt. Menschen, die verzweifelt fliehen. Wer ihnen begegnet und zuhört, stellt fest, ihre Berichte von Krieg und Todesangst, Hunger und Verzweiflung führen uns unsere eigene Vergangenheit neu vor Augen. 

Unser aktuelles Weltgeschehen zeigt uns, dass es Männer und Frauen bedarf, die Opfer für ihr eigenes Morgen bringen, damit ein Heute gestaltet werden kann.

Das Totengedenken möchte ich in diesem Sinne mit folgenden Worten formulieren:

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Ausland ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.