Rede zum Volkstrauertag 2018

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Totengedenkfeier Friedhof Harthausen Sonntag, 18. November 2018

-Ansprache-

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
viele Reden zum Volkstrauertag beginnen mit den Worten: „Wie jedes Jahr zum Jahresende gedenken wir…“.

Aber ist es heute wie jedes Jahr? Oder anders gefragt: dürfen wir zulassen, dass es heute wie jedes Jahr ist?

Ich formuliere diese Fragen auch unter dem Eindruck, den ich am vergangenen Wochenende in unserer englischen Partnerstadt Selby gewonnen habe. Ich habe dort am Samstag und Sonntag an den Gedenkveranstaltungen zum Ende des Ersten Weltkriegs teilgenommen. Zwei sehr bedenkenswerte und für mich nachdenkenswerte Tage.

Während die große Politik nach großen Gesten sucht, tragen wir als Kommune – wie an vielen anderen Stellen – auch hier im Kleinen unseren Beitrag bei, in Austausch, Begegnung und dem Begründen und Pflegen von persönlichen Freundschaften.

Wenn wir uns heute – am Volkstrauertag 2018 – zum Gedenken auf dem Friedhof in Harthausen versammeln, ist es fast auf den Tag genau 100 Jahre her, dass der Erste Weltkrieg zu Ende ging. Am 11. November 1918 endete mit dem Waffenstillstand von Compiègne der Krieg an der Westfront.
Gleich wo wir uns zum Gedenken zusammenfinden, stehen wir in der mahnenden Aufforderung, aus dem leidvollen Geschehen der Vergangenheit den Blick zu nehmen auf die Bewahrung der Versöhnung für heute und in der Zukunft.

Wir denken heute an Kriegsopfer und Opfer von Gewaltherrschaft. Wir denken an Kinder, Frauen und Männer die verfolgt und an Soldaten, die getötet wurden, in den beiden

Weltkriegen, die hier tobten und auch hier, mitten aus Filderstadt, Menschen in den Tod rissen oder in Gefangenschaft führten.

Für die unter uns, die selbst noch unmittelbare Angehörige im Krieg verloren haben, ist dieser Tag besonders wichtig, aber auch mit Leid und besonderer Traurigkeit verbunden.

Die Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkrieges und die Jahre danach waren so grausam und dadurch prägend für unser Land, ja für die Menschheit, dass wir uns erinnern müssen.

Zugleich merken wir, dass die Zahl der Menschen, die die Kriege selbst miterlebt haben, abnimmt. Dass wir in Deutschland seit zwei Generationen keinen Krieg mehr erleben mussten, darum dürfen wir froh und dankbar sein. Bedenken müssen wir aber, dass für die jüngeren Generationen das Erleben eigener Kriegserfahrung oder die der Nachkriegsjahre immer weiter wegrückt.

Deshalb ist es auch besonders wichtig, dass gerade junge Menschen, Schülerinnen und Schüler heute hier sind, mitwirken, erinnern und nicht vergessen, welche Verantwortung aus dieser Erinnerung erwächst. Wir müssen das Gedenken weiter tragen, erinnern was passiert ist, damit es sich nicht wiederholt.

Der Volkstrauertag erinnert uns daran, wie wertvoll Frieden ist. Wir brauchen einen Gedenktag wie den Volkstrauertag, um daran erinnert zu werden, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und wir Tag für Tag auch heute unter uns daran arbeiten müssen, diesen im Großen wie im Kleinen zu erhalten.

Außerdem müssen wir uns ggf. mehr denn je in den vergangenen 7 Jahrzehnten gegenseitig daran erinnern, wie Derartiges in Deutschland passieren konnte: Rassismus und Vorurteile spielten eine bedeutende Rolle. Populisten und einfachen Antworten wurde geglaubt. Auch wir stehen heute in der Verantwortung, Vorurteile zu erkennen und populistische Antworten mit der manchmal komplizierten Wahrheit zu begegnen und Unwahrheiten zu entlarven.

Vielerorts auf der Welt ist dessen, woran wir uns heute erinnern und anmahnen, Realität. In vielen Städten und Dörfern finden Gewalt und Krieg nicht nur in den Fernsehnachrichten statt. Das wird uns nicht zuletzt durch die Flüchtlingsthematik vor Augen geführt. Menschen, die verzweifelt aus Syrien, Irak, Eritrea, Afghanistan zu uns fliehen. Wer ihnen begegnet und zuhört, stellt fest, ihre Berichte von Krieg und Todesangst, Hunger und Verzweiflung führen uns unsere eigene Vergangenheit neu vor Augen.

Verursachte nicht deutsche Vernichtungswut auch unermessliches Leid, hier in der Heimat und trieb darüber hinaus Millionen in die Flucht? Erlebten und erlitten nicht unsere Großväter und Mütter Vertreibung und Bombenkrieg? Und auch in Deutschland starben noch vor wenigen Jahrzehnten Menschen bei dem Versuch, über eine innerdeutsche, also in unserem Land liegende, Grenze zu fliehen.

Gleich welches zeitliche Ereignis und Geschehnis dessen wir uns heute erinnern wir herausgreifen, sie haben alle eines gemein. Es bedurfte mutiger Männer und Frauen, die Opfer für ihr eigenes Morgen brachten, aus denen wir unser Heute gestalten.

Aus diesem Gedenken und dem Streben in Freiheit und Frieden unter dem Gebot der Menschenrechte leben zu können, leiten wir unsere Verpflichtung her, Menschen in Not zu helfen. Die Geschichte lehrt uns, dass wir Verantwortung für unsere Mitmenschen haben und alles dafür tun sollten, dass wir alle auch gemeinsam in Frieden und Freiheit leben können.

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Vieles verändert sich. Was früher selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr. Das verunsichert viele.

Ich komme deshalb zurück zu meiner Anfangsfrage: dürfen wir zulassen, dass es heute wie jedes Jahr ist? Nein, wenn wir den Volkstrauertag auch als einen Tag begreifen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unser eigenes Tun und unsere Verantwortung kritisch zu hinterfragen; wenn wir dagegen eintreten, dass andere Menschen – gleich aus welchem Grund – abgewertet werden und wir den heutigen Tag als Engagement für ein gelingendes Miteinander vor Ort, in Deutschland, in Europa und in der Welt begreifen.

Wir gedenken auch deshalb heute der Toten, um die Lebenden nicht zu vergessen. Es geht nicht allein um das Gestern, sondern genauso um das Heute und das Morgen.

Das Totengedenken möchte ich in diesem Sinne mit folgenden Worten formulieren:
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Ausland ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.