Rede zum Volkstrauertag – Sonntag, 17. November 2019

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Rede zum Volkstrauertag – Sonntag, 17. November 2019

11.15 Uhr Totengedenkfeier Friedhof Plattenhardt

Oberbürgermeister Christoph Traub
-es gilt das gesprochene Wort-

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

am vergangenen Wochenende hatten wir in Filderstadt Besuch einer Delegation aus unserer ostdeutschen Partnerstadt Oschatz. Bewusst gewählt war der Begegnungstermin auf das Wochenende des 9. November. Dem Tag, zu dem sich der Mauerfall jährt.
30 Jahre ist es nun her, dass Menschen in der damaligen DDR mit Montagsdemonstrationen ihre Freiheit gefordert haben und damit nicht nur Reisefreiheit, sondern Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, freie Wahlen, Demokratie und Grenzöffnung nach innen und außen gemeint haben. Das stand letztes Wochenende im Mittelpunkt.

Am heutigen Sonntag am Volkstrauertag gedenken wir auch der Geschehnisse, die Ausgangspunkt für die Teilung Deutschlands waren. Vor 80 Jahren begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.

Dies so nah aufeinander zu erleben, führt uns unsere eigene Geschichte vor Augen.

Wir schauen aber auch auf das Heute, weil wir um die jüngere sowie die länger vergangene Geschichte wissen und uns daraus Verantwortung erwächst. Der Ruf nach Grenzöffnung scheint dem Verlangen nach dem Schutz nationaler Grenzen gewichen und ein Anschlag wie der vor einem Monat auf die Synagoge in Halle führt uns die mögliche Realität aufkommenden Antisemitismus vor Augen.

In sogenannten sozialen Medien ist es leicht geworden, Hass zu streuen und man fragt sich, warum ausgerechnet solche Plattformen als sozial bezeichnet werden.

Unsere Gesellschaft wird nicht bestehen, wenn wir das herausstellen, was uns trennt und nicht auf das bauen, was uns eint, wenn sich Wohlergehen aus dem Nachteil anderer ergibt und Menschenwürde der Oberflächlichkeit oder gar Missachtung weicht.

Was können wir als einzelne oder als Stadt tun? Während die große Politik nach großen Gesten sucht, tragen wir als Kommune – wie an vielen anderen Stellen – auch hier im Kleinen unseren Teil bei, in Austausch, Begegnung und dem Begründen und Pflegen von persönlichen Freundschaften.
Gleich wo wir uns heute in den Stadtteilen zum Gedenken zusammenfinden, stehen wir in der mahnenden Aufforderung, aus dem leidvollen Geschehen der Vergangenheit den Blick zu nehmen auf die Bewahrung der Versöhnung für heute und in der Zukunft.

Wir denken heute an Kriegsopfer und Opfer von Gewaltherrschaft. Wir denken an Kinder, Frauen und Männer die verfolgt und an Soldaten, die getötet wurden, in den beiden Weltkriegen, die hier tobten und auch hier, mitten in Filderstadt, Menschen in den Tod rissen oder in Gefangenschaft führten.
Für die unter uns, die selbst noch unmittelbare Angehörige im Krieg verloren haben, ist dieser Tag besonders gewichtig, aber auch mit Leid und tiefer Trauer verbunden.

Die Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkrieges und die Jahre danach waren so grausam und dadurch prägend für unser Land, ja für die Menschheit, dass wir uns erinnern müssen.

Zugleich merken wir, dass die Zahl der Menschen, die die Kriege selbst miterlebt haben, abnimmt. Dass wir in Deutschland seit annähernd drei Generationen keinen Krieg mehr erleben mussten, darum dürfen wir froh und dankbar sein. Und dass für die jüngeren Generationen das Erleben eigener Kriegserfahrung oder die der Nachkriegsjahre immer weiter wegrücken. Seit über 70 Jahren wirkt die EU und damit ein geeintes Europa als stabiles Friedensprojekt.

Der Volkstrauertag erinnert uns daran, wie wertvoll Frieden ist. Wir brauchen einen Gedenktag wie den Volkstrauertag, um daran erinnert zu werden, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und wir Tag für Tag auch heute unter uns daran arbeiten müssen, diesen im Großen wie im Kleinen zu erhalten.

Vielerorts auf der Welt ist dessen, woran wir uns heute erinnern und anmahnen, Realität. In vielen Städten und Dörfern finden Gewalt und Krieg nicht nur in den Fernsehnachrichten statt. Das wird uns nicht zuletzt durch die Flüchtlingsthematik vor Augen geführt. Menschen, die verzweifelt aus Syrien, Irak, Eritrea, Afghanistan zu uns fliehen. Wer ihnen begegnet und zuhört, stellt fest, ihre Berichte von Krieg und Todesangst, Hunger und Verzweiflung führen uns unsere eigene Vergangenheit neu vor Augen.

Gleich welches zeitliche Ereignis und Geschehnis dessen wir uns heute erinnern wir herausgreifen, sie haben alle eines gemein. Es bedurfte mutiger Männer und Frauen, die Opfer für ihr eigenes Morgen brachten, aus denen wir unser Heute gestalten.

Wir dürfen es deshalb nicht zulassen, dass der Volkstrauertag zum routinierten Gedenktag im Jahresablauf wird. Wir müssen den Volkstrauertag als einen Tag begreifen, um nicht nur die Vergangenheit, sondern auch unser eigenes Tun und unsere Verantwortung kritisch zu hinterfragen; wenn wir dagegen eintreten, dass andere Menschen gleich aus welchem Grund abgewertet werden und wir den heutigen Tag als Engagement für ein gelingendes Miteinander vor Ort, in Deutschland, in Europa und in der Welt begreifen.

Das Totengedenken möchte ich in diesem Sinne mit folgenden Worten formulieren:
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Ausland ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben. Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.